Kapitel 1


1. Die intellektuelle Berufung

 

 

... Das Glockengebimmel der Öffentlichkeit vermag nur den belanglosen Geist zu locken. Ehrgeiz verstößt gegen die ewige Wahrheit, indem er die Wahrheit sich selbst unterordnet. Ist es nicht ein Sakrileg, mit Fragen über Leben und Tod, mit der geheimnisvollen Natur, mit Gott ein Spiel zu treiben - um auf Kosten der Wahrheit und losgelöst von ihr eine schriftstellerische oder philosophische Berühmtheit zu werden? Solche Absichten, besonders die zuerst genannte, würde nicht den Wahrheitssucher stärken; ohne Achtsamkeit für die Wirklichkeit der Dinge würde sich sein Bemühen sehr schnell erledigen und seine Eitelkeit in eine leeres Befriedigtsein zurückfallen.
(S. 6)

Du bist durch deine [intellektuelle] Berufung geweiht. Wolle, was die Wahrheit will; willige ein um der Wahrheit willen: dich aufzuraffen, deine Behausung in ihrem eigentlichen Reich aufzuschlagen, dein Leben zu ordnen, und, eingedenk deiner Unerfahrenheit, von der Erfahrung anderer zu lernen.
(S. 6)


Der [nicht geniale, aber beständige] Arbeiter (worker) wird - wie die schwer sich abmühende Schildkröte - nicht die Zeit vertrödeln, aber beharrlich sein, und in wenigen Jahren wird er den faulen Hasen überholt haben, dessen flinke Bewegungen den Neid seines schwerfälligen Ganges hervorgerufen haben.

Dasselbe gilt für den von intellektuellen Ressourcen and anregender Gesellschaft isolierten Arbeiter, der in einem Provinznest, wo er zum Stagnieren verdammt zu sein scheint, begraben ist, ausgeschlossen von guten Bibliotheken, glänzenden Vorlesungen und einer bereitwillig antwortenden Öffentlichkeit, nur sich selbst besitzend und verpflichtet nur, diesem unveräußerlichem Gut [Berufung] nachzugehen.

Er darf dennoch nicht den Mut verlieren. Obwohl er alles gegen sich hat, lass ihn nur Besitz von sich selbst ergreifen und damit zufrieden sein. Ein brennendes Herz hat mehr Aussicht etwas zu erreichen als ein vollgestopfter Kopf, der die Möglichkeiten großer Städte nur falsch nützt. Wiederum, Stärke kann aus Schwierigkeiten erwachsen. Es sind die steilen Gebirgspässe, die einen biegen und formen; ebene Pfade laden zum Entspannen ein, und ein Zustand hemmungslosen Entspannens wird schnell verhängnisvoll.)

Am Wertvollsten von allem ist der Wille, ein tief eingewurzelter Wille: etwas sein, etwas erreichen zu wollen; eben jetzt das Verlangen zu haben, durch das eigene Ideal erkennbar zu sein. Alles andere ergibt sich immer von selbst. Es gibt allerorts Bücher, aber nur wenige sind notwendig. Gesellschaft, Anregungen - man findet sie im Geiste in der Einsamkeit: die Großen sind anwesend, gegenwärtig jenen, die nach ihnen rufen, und die großen Zeiten hinter uns zwingen den leidenschaftlichen Denker vorwärts. Was Vorlesungen und Vorträge angeht, jene, die einen Zugang zu ihnen haben können, haben nichts oder nur mangelhaft etwas davon, wenn sie nicht das notwendige Rüstzeug haben, ohne solche glückliche Hilfe auskommen zu können. Was die Öffentlichkeit angeht, wenn sie auch anregend sein mag, oft trägt sie zur Beunruhigung und Zerstreuung des Geistes bei - und indem man zwei Groschen von der Straße aufhebt, kann man ein ganzes Glück verlieren. Eine leidenschaftliche Einsamkeit ist besser, denn hier trägt jeder Same hundertfach und jeder Sonnenstrahl taucht die ganze Landschaft in ein herbstliches Gold.

Thomas von Aquin, als er nach Paris kam, um sich dort niederzulassen, und die große Stadt in der Ferne erblickte, sagte zu dem Bruder, der mit ihm war: "Bruder, dies alles würde ich für den Mathäus-Kommenar des Chrysostomos geben." Wenn man so empfindet, macht es nichts aus, wo man sich befindet, über was für Ressourcen man verfügt: man zählt zu den vom Geist Auserwählten, man braucht nur beharrlich zu sein und dem Leben zu vertrauen, wie es von Gott für uns bestimmt ist.

Du, junger Mann, der diese Sprache versteht, und dem die Heroen des Geistes geheimnsivoll winken, der aber fürchtet der notwenigen Mittel zu ermangeln, höre mir zu: Hast du zwei Stunden am Tag für dich Zeit? Vermagst du sie eifersüchtig zu hüten, sie leidenschaftlich zu nützen, und dann, weil du im Königreich Gottes Ansehen haben wirst, kannst du den Kelch trinken, dessen köstlichen und bitteren Geschmack diese Seiten dich kosten lassen wollen?Wenn du dir deinen Lebensunterhalt verdienen musst, du wirst ihn dir verdienen, wenigstens ohne die Freiheit der Seele zu opfern, wie es bei so vielen der Fall ist. Wenn du allein bist, so wirst du umso heftiger auf deine edlen Ziele und Absichten zurückgeworfen werden. Die meisten bedeutsamen Menschen folgten einem Anruf. Viele haben erklärt, dass die von mir verlangten zwei Stunden für eine intellektuelle Laufbahn genügen. Lerne, deine begrenzte Zeit bestmöglich zu nützen; tauche jeden Tag deines Lebens in den Quell, der deinen Durst löscht und doch immer wieder neu hervorruft.
(S. 9 ff.)

 

 

 


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